Mit kleinen Schritten aus dem Leben
Mit kleinen Schritten aus dem Leben.
„Jedes
Jahr erkranken über 500 Kinder in Deutschland mit einer Diagnose ohne
Chancen auf Heilung. Ingesamt fallen derzeit über 4.000 Kinder durch
das Netz unseres Gesundheitssystems. Für eine Pflegeeinrichtung sind
sie zu pflegeintensiv, für die klinische Medizin nicht mehr
therapierbar.
Für die Eltern bricht eine Welt zusammen. Alle Lebenspläne müssen
aufgegeben werden und der intensiven Betreuung des kranken Kindes
untergeordnet werden. Der Weg von der Diagnose bis zum Tod des Kindes
kann kurz sein, zumeist verläuft er jedoch in langen, qualvollen
Prozessen.“
Dieser Text bildet die Einleitung zum Buch:
Leben
Lachen Sterben Trauern – das Kinderhospiz Balthasar
in Olpe
Zum ersten Mal mache ich mich auf den Weg, um in einem Kinderhospiz
den Nikolaus zu spielen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ängstliches
Gefühl. Wie werden die Kinder reagieren? Was erwarten die
Eltern von mir? 150 km Autobahn liegen vor mir – Zeit, die
Gedanken ein wenig zu ordnen. Habe ich alles eingepackt? Nikolauskostüm,
Bart, Stiefel und die Glocke.
In Gedanken gehe ich noch mal die Wunschliste durch: Tivon, 3,5
Jahre alt wünscht sich Badewannenspielzeug. Leara, 2 Jahre
alt, möchte einen Waschhandschuh und wenn möglich eine
Kuscheldecke. Verena, 15 Jahre alt, möchte einen Rucksack.
„Verena lacht gerne, liebt die Clowns und muss nach dem Toben
schon mal Sauerstoff tanken“, steht auf der kleinen Wunschliste,
die mir die Mitarbeiter von Balthasar geschickt haben. Den beiden
Mädchen Hanna, 3 Jahre und Leni, 1 Jahr geht es im Moment
gar nicht gut, sie können leider an der kleinen Nikolausfeier
nicht teilnehmen. Ihre Geschenke habe ich trotzdem dabei.
Laura hatte sich „schöne Bettwäsche“ gewünscht. Mit Laura haben wir im Sommer
gegrillt, gemeinsam
wurde der neue Grill eingeweiht,
den die ToyRunner mitgebracht hatten. Laura liebte Lukas Podolski, war
für jeden Spaß zu haben, auch wenn sie an ihr Bett gefesselt war und
nur mit den Augen kommunizieren konnte, so hat sie bei der Fußball-WM
mitgefiebert. Die Bettwäsche habe ich nicht dabei, Laura ist vor ein
paar Tagen gestorben.
Sie hat ihre unbrauchbar gewordene Hülle verlassen, sich befreit aus der
klammernden Hülle, hinaus gedrängt. Nun darf sich der Schmetterling
entfalten.
Andreas wartet schon in Olpe auf mich. Andreas hat zugestimmt, einige
Photos zu machen und auch er hat ein flaues Gefühl im Bauch.
Voyeurismus ist Andreas fremd, in die Privatsphäre der Familien möchte
er nicht eindringen und so hält er sich erst einmal sehr diskret
zurück. Erst als die Eltern sehr deutlich zu verstehen geben, dass sie
sich auch über den Photographen freuen und um Kopien der Aufnahmen
bitten, macht sich Andreas ans Werk. Wir freuen uns über das Vertrauen,
das uns die Eltern schenken!
Als die ersten Fragen kommen, wann denn nun endlich der Nikolaus
erscheint, wird es Zeit dass ich mich umziehe. Die Angst ist längst dem
Lampenfieber gewichen. Ja, auch Nikoläuse haben Lampenfieber!
Das ich bei Tivon mit Felix dem Badehasen, bei Verena mit dem Rucksack
und bei Leara mit der Kuscheldecke die passenden Geschenke ausgesucht
habe freut mich sehr. Umso größer ist aber meine Freude das Lachen
dieser Kinder erleben zu dürfen!
Die Dankbarkeit der Eltern beschämt mich, auch den Geschenken gilt der
Dank. Viel größer aber ist die aufrichtige Freude über das Geschenk
unserer Zeit. Dass wir bereit sind, Zeit zu „opfern“, den Kindern
Interesse entgegen bringen und bereit sind, aktiv die Hand zu reichen,
löst Dankbarkeit aus. Wie wenig haben Andreas und ich heute gegeben,
einen Nachmittag unserer Zeit verwandt, mehr nicht.
Im Sommer wollen wir mit dem Kinderhospiz Balthasar eine Nachtwanderung
machen, auch die Geschwisterkinder freuen sich über ein wenig
Abwechselung.
Vielleicht ermutigen diese Zeilen ja den einen oder anderen Leser,
dabei zu sein? Ich würde mich freuen! Wenn der Termin steht wird es
hier zu lesen sein!
Bis dahin wünsche ich Euch alles erdenklich Gute!
Jörg

