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Sommerfest der Häuser Patmos und Mamre in Bethel September 2004

Samstag, 4.September 2004

Zurück vom Sommerfest der Häuser Patmos und Mamre in Bethel, nur noch ein paar Minuten und dieser Tag zählt schon zur Vergangenheit. Für „vorgestern“ finden wir noch ein eigenes Wort, was länger zurück liegt, muss sich an der Erinnerung messen lassen.

Und die Erinnerung an diesen Tag wird so schnell nicht verblassen, zu tief sind die emotionalen Eindrücke einer Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderungen. Die Erlebnisse eines solchen Tages lassen sich nur schwer in Worte fassen.

Eines zieht sich wie ein roter Faden durch alle meine Erfahrungen, die ich mit dem ToyRun4Kids sammeln durfte: die anfängliche Skepsis der Kinder und Jugendlichen, welche die Einrichtungen bewohnen, aber auch die der Eltern und der Pflegeteams.

Die „Biker“ kommen! In den Gesichtern sind viele Fragen zu lesen und die ersten Kontakte sind häufig zögerlich. Was wollen die? Wie gehen die mit unseren Kindern um? Wie kommen die mit unseren Schützlingen klar? Fragen und sicher auch kleine Ängste, die vor dem ersten Kontakt stehen. Aber keine unüberwindbaren Hürden, keine Mauern, welche sich unüberwindlich vor uns aufbauen!

Bei Kaffee und Kuchen bot sich für alle Beteiligten die erste Gelegenheit zum „beschnuppern“. Nach kurzen einleitenden Worten, in denen wir uns für die Einladung bedankten und unseren Beitrag zum Sommerfest kurz skizzierten, boten wir für alle Kinder, Jugendlichen, Eltern und das Pflegeteam Rundfahrten im Beiwagen an.

Ich glaube, an dieser Stelle ist es mehr als angebracht, Robby, Travelman und Günni ein besonderes DANKE für ihren Einsatz und die Bereitstellung ihrer Gespanne auszusprechen! Es ist nicht selbstverständlich, Hunderte von Kilometern Anreise in Kauf zu nehmen, „nur“ um Menschen für einige Stunden ein wenig Abwechslung in einen nicht immer leichten Alltag zu bringen.

Viele Runden haben die drei in Bethel gedreht und dabei mit jedem Schlagloch rund um das Sommerfest Bekanntschaft gemacht.

Deutlich konnten wir die Freude, Aufregung und Begeisterung der Beifahrer erleben. Sehr direkt und unmittelbar durften wir an diesem Erlebnis teilhaben und erlebten so ein Feedback, das uns für weitere Aktionen motiviert.

Bei einigen unserer Fahrgäste war es uns aufgrund der Schwere ihrer Behinderung nicht möglich, ihre Reaktion auf die Fahrt einzuschätzen. Freut er sich? Hat er Angst? Möchte er aussteigen? Die Gefühlswelt dieser Menschen blieb uns verschlossen. Für uns als Fremde war es nicht möglich, die Emotionen zu erkennen und einzuschätzen.

Später gegen Ende des Festes, kamen Eltern auf uns zu und bedankten sich sehr herzlich für unseren Einsatz. Als sie unsere fragenden Blicke bemerkten, erzählten sie uns das Erlebnis mit ihrer Tochter.

Die Dame war Lehrerein einer Schule für Menschen mit Behinderungen und Mutter einer jungen Frau, welche mehrfach mit uns gefahren ist. Als sie, die Mutter, von den Planungen des diesjährigen Sommerfestes Kenntnis erlangte und erfuhr, dass „Biker“ eingeladen werden und diese Rundfahrten mit Motorradgespannen anbieten wollen, ging sie die Reihe ihrer Schüler im Geiste durch und gelangte zu dem Schluss, dass nur ein sehr kleiner Teil überhaupt von diesem Angebot Gebrauch machen würde. Zu groß sind Ängste vor Änderungen im gewohnten Leben dieser Jugendlichen. Die Betroffenen halten fest an ritualisierten Verhaltensmustern und Abläufen. Feste Strukturen sind nicht selten ein ganz wichtiger Bestandteil ihres Tages. Und nun sollte ihre Tochter zu fremden Männern, die auf lauten unbekannten Fahrzeugen und in komischer Kleidung auftauchen, soviel Vertrauen finden, dass sie alleine ohne den schützenden Halt der Mutter eine Fahrt im Beiwagen eines Motorrades unternimmt? Nein, ganz sicher nicht!

Für sie war klar, dass sie mit ihrer Tochter einen Blick auf die „Biker“ werfen würde, um sich dann, wie jedes Jahr, gemeinsam die Pferde und Schafe des kleinen Reitstalles anzusehen. Zum Schluss würde es Kuchen geben und eine gute Tasse Kaffee dazu. Der Aufregung um die Motorradfahrer würde man schon irgendwie entgehen können.

Ich wusste von diesen Gedanken nichts, als ich ihre Tochter zu einer Fahrt in dem von uns mitgebrachten „Tretgespann“ einlud. Zum Erstaunen der Mutter setzte sie sich zu mir. Ich erhielt also hinreichend Anweisungen, wie ich mich im Notfall zu verhalten habe. „Wenn sie starr blickt, bekommt sie einen Anfall. Dann müssen sie sofort zurück kommen!“ Den Blick, den mir die junge Frau zuwarf, konnte ich beim besten Willen nicht als starr deuten, also konnte es losgehen!

Hatte ich erwähnt, dass Bethel im Teutoburger Wald liegt? Nein, dann habe ich sicher auch noch nicht gesagt, dass es im Teutoburger Wald sogar nennenswerte Steigungen gibt. Jedenfalls laufen diese Tretfahrzeuge erstklassig bergab. Dass es dann irgendwann auch mal wieder bergauf gehen muss, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich bewusst.

Ok, nach der nächsten Kurve offenbarte sich mir die ganze Grausamkeit dieser Nachlässigkeit. Es ging bergauf! Und das heftigst, jedenfalls für ein zweisitziges, dreirädriges Tretfahrzeug ohne Gangschaltung, dessen Fahrer auch noch unter leichtem Übergewicht leidet und einen Passagier befördert, der fröhlich lachend mit beiden Armen voraus zeigt und auf das Thema - aussteigen und schieben - mit freundlichem Grinsen reagiert. Wir hatten viiiiiel Spaß! .........

30 Minuten dauerte der Kampf gegen die Steigung, 30 Minuten Schieben an einem herrlichen Sommertag, während Gespannfahrer freundlich grüßend an mir vorbei ziehen. Danke Robby, das motiviert!

Oben angekommen, war ich völlig fertig und konnte der wartenden Mutter auf die Frage, was denn los gewesen sei, keine erschöpfende Antwort geben. Anfälle? Was denn für Anfälle? Wir hatten Spaß, viel Spaß! Jedenfalls ihre Tochter ..........

Dass die junge Dame, deren Namen ich leider gar nicht erfahren habe, nach dem lustigen Fahrradausflug nun auch noch völlig alleine die Gelegenheit einer Gespannfahrt nutzte, sorgte für grenzenloses Erstaunen seitens der Mutter.

„Niemals hätte ich damit gerechnet, dass meine Tochter das alles mitmacht! Danke! Sie haben heute etwas bewegt! Sie haben Herzen geöffnet, nicht nur bei mir! Wie selbstverständlich und problemlos sie mit den behinderten Menschen umgehen, ist vorbildlich!“

Nicht alle beteiligten Toyrunner haben dieses Kompliment aus erster Hand erhalten, deshalb gebe ich es sehr gerne auf diesem Wege weiter und möchte mich ebenfalls bei allen bedanken, die durch ihre Anwesenheit und ihre Unterstützung dazu beigetragen haben, den Tag für einige Menschen mit teils sehr schweren Behinderungen ein wenig erlebnisreicher zu gestalten!


Jörg