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St. Martin in Düngenheim2004

Freitag 21.Mai 2004

Es ist 10:00 Uhr, die kleine Wiese mitten in Münstermaifeld ist nass vom Regen. Dunkle Wolken hängen am Himmel und es ist saukalt. Keine guten Voraussetzungen für einen erfolgreichen ToyRun. Der Mercedes Sprinter ist vollgepackt mit Kuscheltieren, Büchern und Spielzeug. Ein Schaukelboxer ist ebenfalls an Bord, mitten in diesem Chaos hat es sich ein nahezu lebensgrosser Plüschbär gemütlich gemacht.

Langsam füllt sich die kleine Wiese. Ca. 50 Motorräder, darunter auch 3 Gespanne haben den Weg nach Münstermaifeld gefunden. Leider haben die Fahrer die dunklen Wolken voll erwischt und so tropft das Wasser aus allen Nähten. Ein heißer Kaffee wirkt jetzt Wunder.

Gegen 10:30 Uhr setzt sich der kleine Zug in Bewegung, Ziel ist die Einrichtung St. Martin in Düngenheim. Ein Wohnheim für Kinder und junge Erwachsene mit Behinderungen. Wir haben versprochen, einen Nachmittag gemeinsam mit den Bewohnern der Einrichtung zu verbringen.

Bereits im Vorfeld haben Jürgen und Patrik den Wunsch der Kinder erfüllt und eine Nestschaukel im Wert von ca. 2.500 Euro aufgestellt. Leider werden wir die Schaukel nicht einweihen können, da die Fundamente noch nicht durchgetrocknet sind.

Da ich mit dem Sprinter den direkten Weg gefahren bin, rolle ich als erstes Fahrzeug auf den Hof des Heims. Ich folge den Hinweisen: „Willkommen dem Motorradclub ToyRun4Kids“. Als ich den Wagen abstelle, kommt ein junger Mann mit Irokesenbürste auf mich zu und erklärt mir sehr höflich, dass ich hier unmöglich stehenbleiben kann. „Gleich kommen die Motorräder! Die besuchen uns!" Ich versuche dem jungen Mann klar zumachen, dass ich zu diesen Motorradfahrer gehöre und deshalb hier parken muss. Leider trage ich weder Helm, noch Leder und ein Lieferwagen hat auch nicht wirklich Ähnlichkeit mit einem Motorrad. Beharrlich erklärt mir der junge Mann, dass ich hier auf gar keinen Fall stehen bleiben kann. Gleich kommen ja „die Motorradfahrer“. Erst der Leiter des Wohnheims kann den sehr zuverlässigen Parkplatzhüter davon überzeugen, dass ich ausnahmsweise hier parken darf.

Als endlich die richtigen Motorräder auf den Hof rollen, ist der junge Mann nicht mehr zu halten: „Sie sind da, die Motorräder sind da!“ Der Parkplatz füllt sich, nicht nur mit Motorrädern sondern auch mit jungen Menschen, die fasziniert erste Kontakte mit uns und den Motorrädern schließen. Beim Anblick der Bewohner, welche sehr erwachsen auf mich wirken, fällt mir die Wagenladung Kuscheltiere ein! „Sch.....“ fährt es mir durch den Kopf, „Nicht wirklich unsere Zielgruppe!“ Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass in den erwachsenen Körpern Seelen stecken, die der Entwicklung eines Kindes im Grundschulalter entsprechen. Im ersten Augenblick wirkt es befremdlich, wenn ein ca. 35 jähriger Mann einen neonfarbenden rot/grünen Plüschhasen vor sich herträgt und diesen Hasen wie ein wertvolles Geschenk hütet. In diesem Moment wird mir klar, dass wir hier richtig sind, wir wollen Kindern die Hand reichen und in diesen Körpern stecken Kinder! Kinder, die sich aufrichtig über das Geschenk unserer Zeit freuen.

Nach einer kurzen offiziellen Eröffnungsrede, essen wir mit den Bewohnern von St. Martin, es gibt Erbsensuppe und Würstchen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, als erwachsener Mensch alleine ohne fremde Hilfe ein Würstchen essen zu können. Ich habe die Wahl, meinem Tischnachbarn beim Essen zu helfen oder gelegentlich sein Gesicht von überschüssiger Erbsensuppe zu befreien. Nachdem wir uns für eine Kombination beider Möglichkeiten entschieden haben, geben wir ein gutes Team ab, wir sind beide satt geworden und die Garderobe ist noch vorzeigbar! Aus Sicht der freundlichen Betreuerinnen, die meine Aktivitäten sehr interessiert verfolgen, schon mal ein Erfolg!

Nach dem Essen lassen die Gespannfahrer Ihre Motoren an! Alle erhalten die Möglichkeit, für 2 Runden auf einer ca. 600m langen Ringstrasse durch St. Martin Platz im Beiwagen zu nehmen. Ein Angebot, welches gerne und mit Begeisterung angenommen wird! Die ersten mutigen Beifahrer ernten ehrliche Bewunderung ihrer Mitbewohner. Langsam bricht das Eis und die Furcht vor lauten Motoren und unbekannten Gesichtern weicht der Neugierde. Wir haben ein Mopped auf die Wiese gestellt und zögerlich geradezu ängstlich begutachtet ein kleiner Junge die schwarze BMW R 1150 GS. Nach ca. 1 Std. hat er die Entscheidung getroffen, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, aufzusitzen. Und diese Entscheidung trifft er mit einer solchen Entschlossenheit, dass er die nächsten Stunden nicht mehr aus dem Sattel der GS zu bekommen ist. Ich frage mich als stiller Beobachter dieser Szene, welche Träume im Kopf dieses Jungen vorgehen und ob er jemals die Chance erhalten wird, auch nur einen Bruchteil davon zu realisieren. Das Privileg meiner Gesundheit wird mir geradezu schmerzlich vor Augen geführt.

Unterdessen werden die Rundfahrten zügiger, und die Kinder feuern die Gespanntreiber durch Gesten und strahlende Gesichter zu noch schnellerer Fahrt an. Die Fahrer geben ihr Bestes, lassen die Maschinen um die Ecke driften und dann und wann macht der Beiwagen auch Männchen.

Die Gesichter der Kinder sprechen Bände, es ist unglaublich, wie viel Freude 1200 Meter Strasse machen können.

Vor mir hält ein Gespann und ich will dem kleinen Passagier aus dem Boot helfen, aber da ist nichts zu machen! Ritchie hält eisern fest und selbst gutes Zureden kann ihn nicht dazu bewegen, das Gespann loszulassen. Lothar tritt an meine Seite und es dauert nur Sekunden und Ritchie fliegt ihm in die Arme. Die Verbundenheit zwischen den beiden liegt greifbar in der Luft, hier haben sich zwei gesucht und gefunden.

In den nächsten Stunden ergeben sich Kontakte von so emotionaler Nähe, dass Angst vor dem Abschied aufkommt, denn um 16:00 Uhr wollen unseren Besuch in St. Martin beenden. Aber die Stunden in St. Martin werden nicht nur Lothar, Patrick und Felix, sondern vielen weiteren ToyRunnern lange in Erinnerung bleiben.

„Glückliche Kindergesichter sprechen für sich. Sie können mit uns zusammen kranken Kindern ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern“. Diese Zeilen sind auf unserer Homepage zu lesen. Es braucht manchmal gar nicht viel, um dieses Lächeln zu zaubern, schon ein wenig gemeinsame Zeit und 1200 Meter Strasse können so viel geben.

Danke an alle, die dies möglich gemacht haben, besonders an die Gespannfahrer: Ohne Euch wäre an diesem Tag sehr viel weniger gelacht worden!

Jörg